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Boogie Woogie Express unter Volldampf
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Boogie Woogie - dieser faszinierende Musikstil, der seit über 60 Jahren Musikfreunde in der ganzen Welt begeistert, ist heutzutage wieder fast so populär wie in seiner Blütezeit, den frühen 40er Jahren - und das ausgerechnet in Deutschland. Verantwortlich für diese Entwicklung sind junge Pianisten wie der Wittener Jörg Hegemann, die bei ihren Konzerten auf pianistisch hohem Niveau, mitreißenden Boogie Woogie, oder auch gefühlvollen Piano-Blues einer stetig wachsenden Fan-Gemeinde vorstellen.
Der 34jährige Jörg Hegemann, der inzwischen zu den führenden Vertretern des Genres gezählt werden muß, tritt als Solist, bzw. mit seinem Trio auf. Dann und wann gesellt sich auch noch der Blues-Shouter Thomas Aufermann dazu, der mit seiner kräftigen Stimme sehr stark an den einzigartigen Big Joe Turner erinnert.
"Eigentlich ist ´Boogie Woogie Express´ nur der Titel meiner ersten CD", sagt der privat eher ruhige Hegemann, "aber mittlerweile ist diese Bezeichnung zum Überbegriff meiner Arbeit geworden". Stimmt, wo der `Express` Station macht, da ist mächtig was los. Und wer den eher schüchternen jungen Mann vor einem Konzert beobachtet, glaubt erst mal nicht, daß es sich um denselben handelt, der nun auf einmal mit einer Leidenschaft die Tasten bearbeitet, die man nicht allzu oft bei einem Musiker erleben kann. Da fließt der Schweiß in Strömen und es liegt spürbar in der Atmosphäre, daß hier ein Künstler auftritt, der nicht einfach seine Show `runterspult`, sondern diese Musik wirklich liebt und etwas von diesem Gefühl herüber bringen möchte. Das ihm das gelingt, beweisen die begeisterten Zuschauerreaktionen bei seinen Konzerten zwischen Sylt und Bad Reichenhall, Jülich und Dresden und der gute Absatz seiner CD´s und Notenhefte. Auch im europäischen Ausland ist Jörg Hegemanns Boogie Woogie Express eine gern gesehene Programmbereicherung. So ist er mehrfach bei der Jazz-Ralley in Luxemburg aufgetreten, beim internationalen Boogie-Tanz Wettbewerb im norwegischen Bergen eine feste Größe und beim Jazzfestival Sarospatak in Ungarn, wo er 1996 mit dem berühmten Klarinettisten Joe Muranyi spielte, der noch mit Louis Armstrong tourte, nicht mehr wegzudenken.
"Die Frage, die mir immer wieder gestellt wird, lautet: `Wie lernt man so Klavier zu spielen?`", meint der Ausnahmepianist. In Hegemanns Fall : Absolute Besessenheit und Begeisterung für die Musik und üben, üben, üben...
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Dabei orientiert er sich an den "großen Drei": Albert Ammons, Meade Lux Lewis und Pete Johnson. Diese Pianisten waren die Meister Ihres Faches, haben diesen Musikstil in den 30er Jahren mehr oder weniger im Alleingang zur Blüte gebracht und sind lange nach ihrem Tod noch immer Vorbild für viele der heutigen Boogie-Pianisten. "Die Drei hatten den Vorteil, mit der Musik aufgewachsen zu sein. Damals kannte man noch keine HiFi-Stereoanlagen; jede Kneipe hatte ihre eigene Bands oder Pianisten und wenn Ammons und Lewis als junge Burschen in Chicago um die Häuser zogen, hatten sie reichlich Gelegenheit andere Musiker zu erleben und viele Ideen in sich aufzunehmen. Zu dieser Zeit wurde Blues gespielt, Gospel war sehr populär und der Ragtime begann mehr zu swingen und sich zum Stride-Piano zu entwickeln. Diese Einflüsse kamen aus New York, wo Interpreten wie Fats Waller mit ihrem "Harlem-Stride" sehr beliebt waren. Aber der "klassische" Boogie Woogie entstand in Chicago durch Ammons und Lewis, die mit ihrem neuen Stil genau den Geschmack der dreißiger Jahre in den USA trafen, temporeiche Musik für eine Zeit voller gesellschaftlicher Dynamik." erläutert Hegemann gerne auch bei seinen Auftritten etwas über die Hintergründe dieser Musik. "Darum gibt es meiner Meinung nach keinen anderen Weg, als sich mit großer Ernsthaftigkeit und Genauigkeit mit den alten Aufnahmen zu beschäftigen, zu versuchen die Nuancen und ´Kniffe´ herauszuhören und auf dieser Basis eigene Ideen zu entwickeln und im Laufe der Zeit zu einem eigenen Stil zu finden." Dabei hat er eine spezielle Vorliebe für Albert Ammons. Der Meister hätte seine helle Freude an dem Wittener Pianisten. "Diesen Weg ist auch Axel Zwingenberger gegangen, dessen Namen man mittlerweile in einem Atemzug mit den Altmeistern nennen kann und dessen Bedeutung für die Renaissance des Boogies in unserer Zeit gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann."
Axel Zwingenberger, der seit Mitte der 70er Jahre Konzerte gibt und wohl weltweit der bekannteste der heutigen Boogie-Spieler ist, hat Auftritte zwischen New York und Moskau absolviert und füllt auch die großen Konzertsäle. "Es war Axel, der eine ähnliche Welle der Begeisterung durch sein perfektes und mitreißendes Spielen auslöste, wie damals ´38 Ammons/Lewis/Johnson. Natürlich nicht ganz in den Dimensionen der späten 30er und frühen 40er Jahren. In dieser Zeit war Boogie Woogie tatsächlich populäre `In-Musik`, vielleicht vergleichbar mit dem Beat der 60er oder dem Rock der 70er. Aber wenn man bedenkt, das Axel einen neuen Boom für diese Musik, ausgerechnet in dem Land, in dem das Hören solcher Klänge bei Todesstrafe verboten war, ausgelöst hat, ist das schon ziemlich verrückt."
Und so geschah es, daß der 16jährige Jörg Hegemann im April 1983 zum ersten Mal einen Auftritt von Axel Zwingenberger erlebte, der sein Leben buchstäblich verändert hat. Sein Interesse war bereits 2 Jahre früher durch eine zufällig gehörte Radiosendung für Boogie Woogie, Blues, Swing bis zum Rock´n Roll geweckt worden. "Ich hatte schon einige Schallplatten von Ammons & Co und auch von Zwingenberger selbst, aber als ich Axel da spielen sah und hörte, war mir, als wären alle Sicherungen in mir gleichzeitig durchgeschmort und ich würde verrückt werden. Wahrscheinlich ist auch genau das passiert, sonst würde ich wohl nicht jeden Tag Stunden darauf verwenden, das Zeug zu spielen und ob ein bestimmter Akkord nun so zu spielen ist, oder vielleicht doch anders." erklärt Hegemann mit einem Augenzwinkern. Am 09.04.1983 war Jörg Hegemann wahrscheinlich eher unbewußt klar, daß er diesen Weg auch gehen wollte. Aber nicht jeder 16jährige hat die Möglichkeit sich mal eben ein Klavier zu kaufen. So mußte Jörg, der als Kind einige Zeit Gitarrenunterricht, aber nie richtigen Klavierunterricht bekam, seine ersten musikalischen Gehversuche auf der elterlichen Heimorgel unternehmen. Mit zwanzig war es dann soweit: Mit dem ersten sauer gesparten Geld konnte endlich ein Instrument beschafft werden und dann ging alles Schlag auf Schlag.
"Beim Klavierkauf bedauerte die nette Verkäuferin das ihr Sohn nicht da wäre, der auch `solche Sachen` spielen würde. Darauf habe ich ein halbes Jahr Tag und Nacht geübt und bin dann noch mal hin. Der Sohn war tatsächlich da - es handelt sich um Sven T. Uhrmann. Wir spielten Boogie Woogie an zwei Klavieren und das hat mächtig Spaß gemacht. Vor dem Klaviergeschäft blieben die Leute stehen und applaudierten. Da bin ich dann jeden Samstag zum Pianohaus Naumann in Dortmund gefahren und freute mich über diese erste Möglichkeit, Boogie auch mit einem anderen zusammen zu spielen. Und Ende 1986 geschah das Wunder: Ein Mann kam rein und engagierte uns für sein Lokal, eine Pizzeria in Castrop Rauxel. Sven kannte einen Sänger, den Dortmunder Jürgen Weber, natürlich ein alter Freund von ihm und ich kannte auch einen Sänger, eben Thomas Aufermann, der selbstverständlich ein Freund von mir war. So gründeten wir die "Chicago Four", bestimmt die ungewöhnlichste Boogie-Kombination aller Zeiten, und dachten an Ruhm, Reichtum und alles was dazu gehört." Klar, welcher 20jährige Musiker hätte vor seinem ersten Auftritt nicht solche Gedanken. "Das Konzert war natürlich katastrophal: Wir spielten zu viert für 200,00 DM den ganzen Abend, natürlich bestand das Publikum fast ausschließlich aus unseren Freunden und Bekannten und ich frage mich noch heute, wie wir bei nur einer Probe Programm für die ganze Zeit haben konnten. Aber es war der Startschuß für meine, bzw. unsere musikalische Karriere. Wenn ich mir heute die Aufnahmen aus dieser Zeit anhöre ist mir das immer irgendwie peinlich, denn musikalisch sind da allenfalls die Ansätze zu hören, daß es sich um gute Musiker handeln könnte. Dennoch hielten wir uns für die Größten und hatten unglaublich viel Spaß zusammen. Rückblickend möchte ich meinen, das diese Zeit eine der glücklichsten meines bisher 34jährigen Lebens war, so unbeschwert und nur Unsinn im Kopf. Trotz einiger musikalischer Defizite müssen wir was gehabt haben, sonst hätten wir wohl nicht, über Jahre hinweg, derart viele Auftritte bekommen. Höhepunkt war sicherlich ein kurzer Gastauftritt in der "Rudi Carell Show" im Oktober 1989. Aber es kam wie es kommen mußte: Im Laufe der Zeit nahmen wir weitere Musiker zu uns und mit jedem `neuen` veränderte sich alles, jeder hatte andere Vorstellungen wie es weitergehen sollte, wir waren ja im Grunde immer noch blutige Anfänger. Als mein Freund Thomas, der als einziger die Truppe noch irgendwie unter Kontrolle hatte, dann 1993 nach Nürnberg zog, war die Auflösung der `Chicago Four` nicht mehr zu verhindern."
Jürgen Weber arbeitet seit Jahren erfolgreich als Schlagersänger, Moderator und neuerdings als Sänger bei der bekannten Rock´n Roll Band "Ace Cats", Sven T. Uhrmann hat seine eigene Jump´n Jive Band "STU And His Bouncing Balls" gegründet und Thomas Aufermann arbeitet noch immer mit Jörg zusammen und widmet sich zusätzlich der Schauspielerei. "So hat jeder der `Four` seinen musikalischen Weg gefunden und konnte die Erfahrungen aus gemeinsamer Zeit für sich selber nutzen und die Erinnerung daran für immer im Herzen tragen." erklärt der etwas wehmütig gewordene Hegemann. Dennoch war das Ende der "Chicago Four" für Jörg der eigentliche Anfang. Musikalisch auf sich allein gestellt, begann er sich nun noch intensiver mit den "Klassikern" der 30er zu beschäftigen, entwickelte endlich ein Bewußtsein für sein Können, auch seine Defizite und fand in einer Bochumer Freundin die entscheidende Hilfe beim "raushören" der alten Stücke. Wer das Glück hat, Aufnahmen aus allen Schaffensperioden von Jörg Hegemann zu besitzen, wird den enormen Niveauanstieg seines Spiels zwischen 1993 und 1994 bemerkt haben. In dieser Phase muß er wirklich ununterbrochen geübt haben. Der Lohn für diese Arbeit ließ auch nicht lange auf sich warten: Jazzclub- und Jazzfestival-Konzerte stellten sich ein, wie auch erste Fernseh-Auftritte als Solist und er konnte nun so arbeiten, wie er es sich seit dem 9.4.1983 gewünscht hatte. 1995 produzierte er seine erste CD mit dem Titel "Boogie Woogie Express", für die er sehr gute Kritiken erhalten hat. Naturgemäß sehr stark an Ammons/Lewis/Johnson angelehnt, besticht die Platte durch viele stilsicher komponierten eigenen Stücke, einigen überzeugend interpretierten "Klassikern", wie zum Beispiel Ammons` "Shout For Joy" und einem Titelstück, in das er seine ganze Energie und sein ganzes Können eingebracht und damit eindrucksvoll bewiesen hat, daß er nun zum kleinen Club der wirklich erstklassigen Boogie-Spieler zu zählen ist. Für diese Aufnahmen engagierte er den Schlagzeuger Carsten Aufermann, Thomas´ jüngerenBruder, der auch schon bei den letzten "Chicago Four" Auftritten und zuweilen bei Jörgs ersten eigenen Konzerten für rhythmische Unterstützung sorgte, sowie den führenden Bassisten der Dortmunder Jazz-Szene, Reinhard `Django` Kroll. "Ich wollte bei einigen Aufnahmen einfach eine gute Rhythmusgruppe dabei haben. Dabei war ich nicht wenig überrascht, wie gut das Ergebnis geworden ist, und vor allem, daß viele Veranstalter sofort das Trio engagieren wollten." So entstand das "Jörg Hegemann Boogie Trio", das 5 Jahre in unveränderter Besetzung zusammen gespielt hat. So liegt auch bei Hegemanns zweiter CD "Steam Driven Boogie", die seit Anfang 1999 erhältlich ist, der Schwerpunkt auf Boogie Woogie in Trio-Besetzung. Dabei hat er überwiegend das Konzept der ersten Platte übernommen: Einige nachgespielte Stücke, als Gastmusiker ebenfalls Thomas Aufermann zu hören und mit derselben Crew vom Vocaland-Studio in Oberhausen aufgenommen und abgemischt. Dadurch sind seine erneuten pianistischen Fortschritte für jeden Boogie-Freund deutlich hörbar. Mit seiner Interpretation von Ammons´ 39er Version des "St. Louis Blues" besticht er durch eine perfekte Imitation der als beinahe unspielbar geltenden Ammons´schen Stride-Technik und gerade bei den improvisierten Boogies der zur Hälfte live eingespielten Scheibe, zeigt er eine inzwischen unverkennbare eigene Handschrift, die auf dem erlernten aufbaut. Mit dem Dortmunder Schlagzeuger Jan Freund, der Mitte des Jahres 2000 Carsten Aufermann an den Drums ablöste, entwickelt dieses Trio einen Groove, der weit und breit keinen Vergleich zu scheuen hat.
Doch zurück zur Frage die dem Autodidakten Jörg Hegemann so oft gestellt wird: Wie lernt man das? "Ich mußte mir alles mühsam erkämpfen und habe mir dabei eine Technik angewöhnt, über die jeder Klavierlehrer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Um gerade den Einstieg zu erleichtern, biete ich eine Boogie-Schule mit dem Titel "Boogie Woogie, Blues & Ragtime" an, die vom Bochumer "Blue Taste Music" Verlag konzipiert wurde und zu der ich viele Ideen und Übungen beigesteuert habe." kann Hegemann auch auf Musikliteratur verweisen. Außerdem hat er noch ein Notenheft im Programm, das vier Titel seiner ersten CD, unter anderem den "Boogie Woogie Express", enthält. Ebenfalls in Zusammenarbeit mit den "Blue Taste-Leuten" entwickelt, können hier die Hegemann-Originale in einer 1:1 Notation bestaunt werden.
"Das was so leicht und spielerisch aussieht ist im Grunde harte Arbeit. Wer wirklich gut werden will, muß sich jahrelang, ja ein Leben lang intensiv damit beschäftigen." stellt Jörg zum Abschluß klar. Wenn man die bisherige Entwicklung des Witteners sieht, darf man gespannt sein, wie seine musikalische Karriere weiterverlaufen wird. Rund die Hälfte seines Lebens hat er dem Boogie Woogie gewidmet und alle Freunde dieser Musik können sich noch auf viele Konzerte und bestimmt die eine oder andere CD freuen, falls er nicht plötzlich aufhört. Aber nach diesem Gespräch ist mir klar, das wird er nie...Dr. Meinolf Schelvis, im Juli 2000
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